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37 Kurzgeschichten für Mütter von Bärbel Löffel-Schröder.

Ein sehr schönes Geschenk für den Geburtstag.
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Inhaltsverzeichnis

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Eine Ermutigungsgeschichte als Kostprobe aus dem Buch "Schön, das es dich gibt, Mama".

Das Spiegelbild

Es war immer so drollig, wenn ihre Tochter mit den Puppen spielte. Niedlich sah sie dann aus, wenn sie sich so mütterlich um ihre Puppenkinder kümmerte. Eva stand im Flur und hörte ein bisschen zu.

Doch heute schaute Merle streng. Sie sah ihre Puppe an und begann zu schimpfen: „Nina, jetzt beeil dich doch! Ach, dass du immer so rumtrödelst.“

Sie setzte die Puppe auf den Boden. Dann warf sie ihr ein paar Puppenkleider hin und fuhr fort: „Mensch, Nina, jetzt zieh dich endlich an! Es wird nicht mehr gespielt. Ach, du kannst aber auch nerven. Jetzt mach doch voran. Wenn ich gleich wiederkomme, dann will ich sehen, dass du angezogen bist, hast du gehört?“

Was war denn heute mit Merle los? Sonst sprach sie immer so liebevoll mit den Puppen. Komisch, dieser Ton.

Jetzt wandte sie sich dem Puppenjungen zu: „Ach, wie siehst du denn wieder aus, Lasse? Das gibt es doch nicht. Gestern hast du die Hose frisch angezogen und jetzt ist sie schon wieder schmutzig.Ich kann ruhig waschen, waschen und waschen. Das ist euch ja egal.“

Der Mutter wurde ein wenig mulmig zu Mute. Das mit dem Waschen, das sagte sie auch öfter mal. Aber es stimmte doch, sie hatte so viel Wäsche. Drei Kinder machten wirklich viel Arbeit.

„Oh, Kinder, ihr nervt mich! Geht mal alle raus! Ich will euch jetzt nicht sehen! Ich muss telefonieren und da brauche ich meine Ruhe.“ Merles Stimme wurde lauter. „Jetzt seid doch mal ruhig! Das ist ja nicht auszuhalten.“ Dann hielt Merle ihr Spielzeughandy ans Ohr und tat so, als würde sie ihre Freundin anrufen. „Oh, ich kann nicht mehr“, seufzte sie. „Manchmal geht mir das hier nur auf die Nerven. Drei Kinder, die können dich echt fertigmachen. Ach, ich hab Kopfschmerzen.“

Die Mutter wandte sich ab. Hatte Merle etwa gestern das Telefongespräch belauscht? Naja, es war nicht ihr Tag gewesen. Wenn sie Kopfschmerzen hatte, dann sah sie halt vieles ein bisschen zu schwarz. Was hatte sie noch alles gesagt? Oh, dass sie manchmal am liebsten abhauen würde. Dann könnte ihr Mann ja mal sehen, wie viel Arbeit das sei, mit drei Kindern.  Aber das war doch nicht ernst gemeint gewesen. Ob Merle sich diese Worte zu Herzen genommen hatte?

Eva stand im Flur und wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Es tat ihr leid, ja, wirklich. Ob sie zu Merle gehen und mit ihr reden sollte? Würde das Kind verstehen, was sie meinte?

Evas Blick fiel auf ihr Spiegelbild. Ihr Gesichtsausdruck war wirklich nicht besonders ermutigend. Sie hatte Schuldgefühle. Sie wollte eine gute Mutter sein, nicht eine, die dauernd nur rumnörgelte. Aber ihr Alltag war oft auch einfach nur nervend.

„Oh, Gott“, sagte sie leise, „ich will ausgeglichener sein, ich will auch geduldig sein, aber es klappt nicht.“ Gedankenverloren sah sie wieder in den Spiegel. Und vor ihren inneren Augen sah sie sich plötzlich nicht allein. Da stand jemand neben ihr. Warum stützte er sie? Und plötzlich wusste sie es. Sie war nicht allein. Es gab Hilfe. „Jesus, bitte vergib. Und hilf mir, es gut zu machen.“

Sie lief ein bisschen hin und her. Dabei konnte sie am besten nachdenken. Plötzlich fiel ihr Blick auf eine Einkaufstüte, die sie noch nicht ausgepackt hatte. Darin befand sich auch ein Geburtstagsgeschenk für Merle.

Merle liebte bunte, glitzernde Perlen. Sie würde eine Kinderkette zum Geburtstag bekommen.

Auf einmal wusste Eva was sie tun konnte. Es sollte eigentlich ein Geburtstagsgeschenk sein, aber das hier war jetzt wichtiger. Sie nahm die Kette und versteckte sie in ihrer Hand. Dann stellte sie sich in den Türrahmen des Kinderzimmers.

Merle hielt jetzt ihre beiden Puppen im Arm.

„Guck mal, Mama“, plauderte sie. „Nina hat sich alleine angezogen.“

„Merle“, sagte Eva, „ich hab eine Überraschung für dich.“

Die Kleine schaute sie mit großen Augen an. „Eine Überraschung?“, fragte sie gespannt.

„Ja, setz dich mal auf dein Kinderstühlchen und mach die Augen zu.“

Merle legte ihre Puppenkinder auf das Bett und setzte sich gehorsam hin. Die Mutter legte die Kette in Merles kleine Hände.

„Augen auf“, sagte sie fröhlich.

Merles Augen wurden kugelrund.

„Mama, du hast mir eine Kette gekauft. Oh, ist die schön. So eine schöne Kette hatte ich ja noch nie.“

Merle schaute bewundernd auf die Perlen.

„Ja“, sagte die Mutter. „Und weißt du was? Die Kette will dir was sagen.“

Merle lachte verschmitzt. „Mama, Ketten können doch nicht sprechen.“

„Das stimmt, aber mit der Kette will ich dir sagen: Merle steht für  Perle. Das bedeutet: Meine Merle ist so wie die wunder-wunder-wunderschönste Perle, so wertvoll.“

Merle schaute die Mutter an. Ihre Unterlippe zog sich ein wenig hoch und ein rührendes Lächeln zog über ihr Gesicht.

Dann schmiegte sie sich an ihre Mutter. „Danke, Mami“, sagte sie.

„Gerne, Merle, und jetzt spiel schön weiter.“

Eva verließ das Zimmer. Im Flur konnte sie noch Merles Stimme hören, die sagte: „Guck mal, Nina, ich habe so schöne Perlen bekommen. Merle wie Perle. Oh, ich weiß was: Nina, ich leihe dir mal meine Perlenkette. Die ist sehr wertvoll. So wie ich. Weißt du, ich heiße ja Merle. Merle wie Perle.“

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